Der Geburtstag als Drohung oder als Ausdruck lebendiger Freude?

mima

„Am 28. November 1931 stand Stefan Zweigs 50. Geburtstag an, dem er mit Ängsten vor dem Altern entgegensah. In den vergangenen Jahren waren Rainer Maria Rilke und Hugo von Hofmannsthal im Alter von nur 51 und 55 Jahren verstorben. Für beide hatte er Gedenkreden vor großem Publikum gehalten.
Und während Hermann Bahr in einem Zeitungsartikel fragte, ob Zweig nicht ein geeigneter Kandidat für den Nobelpreis sei, kamen dem erhebliche Zweifel an seiner Arbeit, an seinem Erfolg und daran, dass ihm je ein Roman gelingen würde. Solchen depressiven Stimmungen versuchte Zweig durch intensive Arbeit und durch Reisen zu begegnen, die immer deutlicher auch Fluchten aus dem Familienleben waren. Seinen runden Geburtstag feierte er allein mit Carl Zuckmayer in einem Münchner Restaurant.“

Diese Sätze sind aus dem wunderbaren Buch Das Stefan Zweig Album. Ein Leben in Bildern von Oliver Matuschek.

Der Geburtstag ist ja eine spezielle Erinnerung, wie uns Schopenhauer von Jonathan Swift schon berichtete.

Auch Milan Kundera hat sich dazu sehr treffend geäußert: „Ich werde offen sein. Ich fand es schon immer entsetzlich, jemanden in die Welt zu schicken, der nicht darum gebeten hatte.«

Ich weiß«, sagte Alain.

Schau dich um: Keiner von all denen, die du siehst, ist aus eigenem Willen hier. Natürlich, was ich gerade gesagt habe, ist die allerbanalste Wahrheit. So banal und so wesentlich, dass man sie nicht mehr sieht und hört.«

Er fuhr zwischen einem Lastwagen und einem Auto, die ihn seit ein paar Minuten von beiden Seiten einklemmten.

»Alle quatschen von den Menschenrechten. Was für ein Witz! Deine Existenz ist auf kein Recht gegründet. Selbst dein Leben aus eigenem Willen zu beenden erlauben sie dir nicht, diese Ritter der Menschenrechte.«

Stefan Zweig hat sich das nicht nehmen lassen und nahm sich nach seinem 60. Geburstag zusammen mit seiner Frau das Leben. Dies hatte eine große Wirkung. So schrieb Carl Zuckmayer:

„In den Kreisen der Emigration hatte Stefan Zweigs freiwilliger Tod eine ungeheure Bestürzung hervorgerufen. … Wenn er, dem alle Möglichkeiten offenstanden, das Weiterleben für sinnlos hält – was bleibt dann denen noch übrig, die um ein Stück Brot kämpfen? … [Er gehörte] zu den Begünstigten unter uns. Zu den Vereinzelten, die einen internationalen Leserkreis, einen Widerhall für ihr Werk, eine ständige Anerkennung hatten. Zu den Wenigen, die schon eine neue Nationalität, einen gültigen Paß, eine Art von Sicherheit besaßen. Er hatte keine materiellen Sorgen, er konnte sein Leben einrichten, wie er wollte.“

(Carl Zuckmayer, „Did you know Stefan Zweig?„, in: Der große Europäer Stefan Zweig, Hrsg. Hanns Arens, Fischer Taschenbuch 1981, S. 133-134).

Wenn wir vom Ende zum Anfang springen und mit Albert Camus feststellen: „Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord[ 1]. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie antworten. Alles andere–ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien hat–kommt später.“

Dann finden wir die Antwort.

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