Echtes Lesen – Echtes Sehen

„Ich gehöre zu den Lesern Schopenhauers, welche, nachdem sie die erste Seite von ihm gelesen haben, mit Bestimmtheit wissen, daß sie alle Seiten lesen und auf jedes Wort hören werden, das er überhaupt gesagt hat. Mein Vertrauen zu ihm war sofort da… Ich verstand ihn, als ob er für mich geschrieben hätte: um mich verständlich, aber unbescheiden und töricht auszudrücken…. Schopenhauer will nie scheinen: denn er schreibt für sich, und niemand will gern betrogen werden, am wenigsten ein Philosoph, der sich sogar zum Gesetze macht: betrüge niemanden, nicht einmal dich selbst!“

Das sind Worte von Friedrich Nietzsche über Schopenhauer als Erzieher.

Es ist das, was ich ebenso empfunden habe.

Später im Text schreibt er:

..Und das ist Goethe, auf den unsre Bildungsphilister als auf den glücklichsten Deutschen hinzeigen, um daraus den Satz zu beweisen, daß es doch möglich sein müsse, unter ihnen glücklich zu werden – mit dem Hintergedanken, daß es keinem zu verzeihen sei, wenn er sich unter ihnen unglücklich und einsam fühle. Daher haben sie sogar mit großer Grausamkeit den Lehrsatz aufgestellt und praktisch erläutert, daß in jeder Vereinsamung immer eine geheime Schuld liege. Nun hatte der arme Schopenhauer auch so eine geheime Schuld auf dem Herzen, nämlich seine Philosophie mehr zu schätzen als seine Zeitgenossen; und dazu war er so unglücklich, gerade durch Goethe zu wissen, daß er seine Phi-losophie, um ihre Existenz zu retten, um jeden Preis gegen die Nichtbeachtung seiner Zeitgenossen verteidigen müsse; denn es gibt eine Art Inquisitionszensur, in der es die Deutschen nach Goethes Urteil weit gebracht haben; es heißt: unverbrüchliches Schweigen. Und dadurch war wenigstens so viel bereits erreicht worden, daß der größte Teil der ersten Auflage seines Hauptwerks zu Makulatur eingestampft werden mußte. Die drohende Gefahr, daß seine große Tat einfach durch Nichtbeachtung wieder ungetan werde, brachte ihn in eine schreckliche und schwer zu bändigende Unruhe; kein einziger bedeutsamer Anhänger zeigte sich.“

So zeigt sich, wie das wirklich Berührende und Bewegende im Leben mit Leiden verbunden ist.

Seit Schopenhauer bin ich gedanklich frei und satt, so wie es Nietzsche beschrieben hat. Denn es geht nicht nur darum, die Wirklichkeit auf der Welt in Worten zu finden, sondern auch darum, dies immer wieder jeden Tag neu zu sehen, um damit die Wirklichkeit anzunehmen und darin zu leben. Immerhin fängt man täglich neu an.

Ich bin so froh, das echte Lesen gefunden zu haben.

Aber dazu muß man auch den echten Schopenhauer lesen…

Zusammen mit Fotografie als Reflexion der aktuellen Zeit ist dies aktuell und substanzreich.

 

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