Wie vulgär ist die Konsumgesellschaft? Fotografische Antworten

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Martin Parr und Henri Cartier-Bresson? In Texten wird oft geschrieben Cartier-Bresson habe einmal Martin Parr gesagt, er komme sich beim Betrachten seiner Fotos vor als ob sie aus einer anderen Welt stammten.

Das stimmt sicherlich alles, aber vielleicht ist es doch auch etwas differenzierter.

Dan Hofstadter hat in einem Essay über sich und seine Zeit mit Henri Cartier-Bresson geschrieben. Darin findet sich Erstaunliches.

Dort findet sich auch der Hinweis, daß Cartier-Bresson immer sehr surrealistisch blieb, auch wenn er fotojournalistisch arbeitete.

Und hier sind wir an der Schwelle.

Der Meister der Geometrie in der modernen Fotografie benutzt diese Art der Gestaltung, um uns die Vulgarität der Konsumgesellschaft zu zeigen? Kann das sein – es kann sein.

Wer seine Fotos durch diese Brille betrachtet, wird davon in vielen Fotos viel entdecken.

Der Weltenbummler zeigt Geschichten vor und hinter der Geometrie als Gestaltungsmittel.

Martin Parr geht noch einen Schritt weiter. Er macht in Farbe, weil die moderne Konsumgesellschaft in Farbe ist und er nutzt die Mittel der plakativen Propaganda der Konsumgesellschaft, um uns die Konsumgesellschaft zu zeigen.

Er spiegelt uns.

Wir kommen uns in seinen Fotos ja nicht fremd vor, sondern eher seltsam vertraut, weil wir darin genau das sehen, was wir erleben.

Und auch er hat eine Geometrie, die zentrierte und plakative Orientierung, die sofort zeigt, was sie meint.

Beide Fotografen waren und sind natürlich durch ihren Fotoverkauf zugleich Warenproduzenten für medial-soziale Situationen ihrer Zeit.

Sie sind Meister im direkten versteckten Zeigen von dem, was wir haben und sind.

Ab dieser Zeile wechsle ich nun zum soziologisch-psychologischen Teil.

Wenn wir Fotos zeigen, die das enthalten, was wir tun, verstärken wir das, was wir tun.

Aber wenn wir es nicht zeigen, können wir es nicht bewußt machen!?

Paradoxie als Merkmal echter Welterfahrung! Ist das surreal?

Bewußtmachung setzt (kritisches) Bewußtsein voraus.

Aber im besten Fall erkennen wir dann die Macht der Verhältnisse, in denen wir stecken.

Wir erkennen auch unsere eigene Machtlosigkeit und suchen Wege zur Macht.

Mächtigsein – und dann?

Oder wir erkennen, daß die Welt so ist wie sie ist/isst?

Nun gut!

Abschließend bin ich froh, daß ich dies so aufschreiben konnte und ich freue mich noch mehr über die Fotos, die Henri Cartier-Bresson und Martin Parr gemacht haben.

Mir ermöglichten sie zusammen mit guten Büchern, dies hier zu sehen, darüber nachzudenken und so diesen Text zu schreiben.

Man sieht nur was man sieht – und das hätte ich ohne Dan Hofstadter und seine Temperaments so nicht gesehen.

Mehr zum Thema gibt es hier.

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.